Page 13 - Saarländisches Ärzteblatt, April 2026
P. 13

ÄR Z TLICHE FORTBILDUNG



      Hyponatriämie: Wie langsam oder                                                                               FOR TBILDUNG

      schnell korrigieren?




      Wir  alle  haben  gelernt,  dass  eine  schwere  Hyponatriämie   weildauer um 1,3 Tage (95% CI, ­2.54 to ­0.10]; p = 0.03) ver­
      (Serum­Natrium <120 mmol/L) wegen des Risikos irreversib­  kürzte. Dies ist ein durchgängiger Befund über praktisch alle
      ler neurologischer Schäden durch das osmotische Demyeli ni­  Studien [4­7].
      sierungssyndrom  (ODS)  nicht  zu  schnell  korrigiert  werden
      darf  [1].  So  empfehlen  auch  die  amerikanischen  und  die  Zusammenfassend  kann  man  feststellen,  dass  das  osmoti­
      europäischen  Leitlinien,  die  sich  für  diese  Empfehlung  nur  sche  Demyelinisierungssyndrom  eine  sehr  seltene  Kompli­
      auf Studien mit schwacher Evidenz und auf Expertenkonsens   kation  der  schweren  Hyponatriämie  ist,  für  die  Inzidenzen
      stützen,  einen  langsamen  Ausgleich  einer  länger  bestehen­  zwischen  1:200  und  1:50.000  [7]  berichtet  worden  sind.  Ein
      den Hyponatriämie mit bis maximal 10 mmol/L pro 24 Stun­  Drittel, bis die Hälfte der Patienten mit ODS entwickelt diese
      den [2, 3]. Das osmotische Demyelinisierungssyndrom (ODS),  Komplikation trotz nur langsamem Ausgleich der Hypona triä­
      auch  als  pontine  Myelinolyse  bezeichnet,  beruht  auf  der  mie.  Während  der  langsame  Ausgleich  der  Hyponatriämie
      Schädigung von Astrozyten aufgrund osmotischen Ungleich­  das  geringe  Risiko  eines  ODS  zwar  vermutlich  reduziert
      gewichts,  die  zu  Demyelinisierung  und  Symptomen  wie   (Faktor 3­4) – nicht aber sicher davor schützt – ist langsamer
      Dysarthrie,  Dysphagie,  aber  auch  zur  Tetraparese  und  zum   Ausgleich der Hyponatriämie sicher mit einer signifikant und
     Tod führen kann.                                      relevant höheren Mortalität assoziiert.

      Eine im Januar 2026 in den Annals of Internal Medicine pub­  Wenn  man  beachtet,  dass  das  ODS  vor  allem  bei  Patienten
      lizierte  retrospektive  Kohortenstudie  mit  13.988  Patienten,  mit  Alkoholabusus  und  Leberzirrhose,  Hypokaliämie  und
      die wegen schwerer Hyponatriämie stationär behandelt wur­  Serum­Natrium  <105  mval/L  beobachtet  worden  ist,  kann
      den, stellt die bisherige Empfehlung in Frage [4]: Der kombi­  man  zu  dem  Ergebnis  kommen,  dass  für  die  meisten  Men­
      nierte Endpunkt aus Tod und/oder neurologischen Auffällig­  schen  mit  schwerer  Hyponatriämie  die  schnelle  Korrektur
      keiten  trat  häufiger  bei  langsamem  Ausgleich  der  Hypona­  vorteilhaft  ist  –  und  dass  die  Leitlinien  hierzu  überarbeitet
      triämie  ein  als  bei  einem  raschen  Ausgleich.  Die  Mortalität   werden sollten. Bei Patienten mit Hyponatriämie und Leber­
      der  schweren  Hyponatriämie  betrug  18%,  was  die  klinische   zirrhose  sollte  man  daran  denken,  dass  meistens  trotz
      Relevanz  der  schweren  Hyponatriämie  unterstreicht.  Nun   Hyponatriämie  kein  Natriummangel,  sondern  eine  Hypervo­
      reicht  eine  retrospektive  Kohortenstudie  auch  bei  großer  lämie vorliegt und Flüssigkeitsrestriktion angezeigt ist, oder,
     Anzahl eingeschlossener Patienten nicht aus, um Handlungs­  dass  bei  hypovolämischer  Hyponatriämie  die  auslösenden
      empfehlungen abzuleiten. Gut, dass 2025 ein systematischer  Diuretika abgesetzt werden sollten [8].
      Review mit Metaanalyse zu dieser Fragestellung in JAMA ver­
      öffentlicht  wurde  [5].  Die  Auswertung  von  insgesamt  16   Literatur beim Verfasser
      Kohortenstudien  zeigt,  dass  bei  schneller  Korrektur  der
      Hypo natriämie 61 bzw. 131 von 1.000 behandelten Patienten

      mehr  überlebten  als  bei  langsamer  bzw.  sehr  langsamer
      Korrektur der Hyponatriämie. Diese Metaanalyse fand keine   Korrespondenzadresse:
      signifikant erhöhte Rate von ODS bei raschem Ausgleich der  Prof. Dr. Daniel Grandt
      Hyponatriämie  [5].  Dies  kann  an  der  insgesamt  niedrigen   Koordinator der S2k-Leitlinie
      Inzidenz des ODS liegen: Eine weitere Metaanalyse findet ein   Arzneimitteltherapie
      Risiko für ODS bei langsamem Ausgleich der Hyponatriämie   bei Multimorbidität
      von  1:1.000  und  ein  dreimal  so  hohes  Risiko  bei  schnellem   email@danielgrandt.de              Foto: Klinikum Saarbrücken
     Ausgleich der Hyponatriämie [6]. Zusammenfassend bestäti­
      gen  diese  Studien  die  Befunde  einer  2024  in  Critical  Care
      Medicine  publizierten  Meta­Analyse  [7]:  Die  Inzidenz  des
      ODS  ist  gering,  sie  betrug  über  alle  analysierten  Studien
      0.48%,  d.h.  5  Patienten  mit  ODS  pro  1.000  behandelte  Pati­                    Prof. Dr. Daniel Grandt
      enten  mit  schwerer  Hyponatriämie.  39%  der  Patienten  mit
      ODS  entwickelten  diese  Komplikationen  trotz  langsamem   Fortbildungsreihe im Saarländischen Ärzteblatt
     Ausgleich  der  Hyponatriämie,  d.h.  auch  Beachtung  der  Leit­  Prof. Dr. Daniel Grandt veröffentlicht im Saarländischen
      linienempfehlung  schützt  nicht  sicher  vor  der  Entwicklung   Ärzteblatt  monatlich  einen  Artikel  zum  Thema  „Neue
      eines  ODS.  Beeindruckend  war,  dass  die  schnelle  Korrektur   Entwicklungen  in  der  Arzneimitteltherapie  mit  Relevanz
      der  Hyponatriämie  die  Mortalität  um  etwa  50%  (RR,  0.51   für die medizinische Praxis“.               13
      [95%  CI,  0.39  to  0.66];  p  <  0.001)  und  die  Krankenhaus ver­

                                                                                Saarländisches Ärzteblatt     Ausgabe 4/2026
   8   9   10   11   12   13   14   15   16   17   18