Page 12 - Saarländisches Ärzteblatt, Mai 2026
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N ACHR ICHTEN Ein Reisebericht aus der Ukraine
NACHRICHTEN
Krankenhäuser und Krieg
Wie kann Krankenhausversorgung unter den Bedingungen Dieser beginnt mit der Verletzung an der Kampf oder Kon
eines Krieges organisiert werden? Die – Gesellschaft für inter taktlinie. In der Regel erfahren die Soldaten mit Brand,
nationale Zusammenarbeit (GIZ) hat über das Programm Schuss, Stich oder Sprengverletzung schwere Schäden an
„Krankenhauspartnerschaften Deutschland/Ukraine“ im Feb Weichteilen, Gefäßen und Knochen. Verletzt werden dabei
ruar eine Reise in die Ukraine organisiert, um der Frage in insbesondere die Extremitäten, aber auch Thorax, Gesicht
dem angegriffenen Land nachzugehen. In den Städten Lutsk und Ohren. Wichtigste Maßnahme, die die Soldaten in dieser
und Lviv im Westen, in Kiew im Zentrum sowie in Dnipro in Situation selbst durchführen können, ist das Anlegen des
Frontnähe konnte Marc Schreiner zahlreiche Krankenhäuser Tourniquets bei starken Blutungen. Die Qualität der Erst ver
und Rehabilitationseinrichtungen besuchen und mit Ver ant sorgung hängt dabei auch davon ab, ob das von den Soldaten
wortlichen aus regionaler und nationaler Gesundheitsver sor mitgeführte ErsteHilfePaket vollständig ist und ob sie aus
gung sprechen und sich mit Veteranen als zu Versorgende reichend in Erster Hilfe unterwiesen sind. Die Evakuierung
austauschen. der Soldaten ist riskant und kann Tage dauern. Die Verletzten
erreichen das Feldlazarett hinter der Front daher in schwieri
Die Reise führte vom nicht so stark umkämpften Westen gem Zustand. Dort erleben die Versehrten bereits Amputa
der Ukraine in Richtung der so genannten „Kontaktlinie“ tionen, was für die Betroffenen eine schwere psychische
im Osten – also entgegengesetzt dem Versorgungspfad der Belastung bedeutet, der ohne professionelle psychothera
Soldaten. peutische Begleitung besonders dramatisch wahrgenommen
wird. Noch immer in Frontnähe, erreichen die Soldaten
schließlich oft nach Tagen ein erstversorgendes Krankenhaus.
Dort werden die Patienten in durchschnittlich nur drei bis
fünf Tagen Verweildauer lediglich stabilisiert und am Über
leben gehalten. Etwa 80 % haben Verletzungen der Extre mi
täten, deren schnelle Erstversorgung eigentlich innerhalb 24
Stunden erfolgen müsste. Deshalb gibt es auch bei dieser
ersten akutstationären Versorgung noch zahlreiche weitere
Amputationen. Allein in dem besuchten Krankenhaus in
Frontnähe sind es nach eigenen Angaben bereits über 10 000
Amputationen. Fast jeder fünfte der dort aufgenommenen
Soldaten ist betroffen.
Mit zunehmender Wartezeit auf eine Erstversorgung im
Krankenhaus verschlechtert sich der Zustand der Wunden,
oft kommt eine bakterielle Kontamination der Wunden hinzu.
Sie wurden bis zur Ankunft im Krankenhaus nicht professio
nell gereinigt. Daher werden sie bei der Erstversorgung
gründ ich gesäubert. Es erfolgt teilweise prophylaktische
l
Gabe von Antibiotika. So sind zunehmend Resistenzen auch
gegen Reserveantibiotika zu beobachten. Schließlich stellen
auch die oft zahlreichen Metallreste, beispielsweise einge
sprengte Munitionsteile, in Körpern der Patienten eine
Heraus forderung dar, die teils auch zu Schäden an diagnosti
schen Apparaten führen können.
Fotos: Marc Schreiner Nach der Erstversorgung in Krankenhäusern in Frontnähe
erfahren die Versehrten Behandlung in weiter westlich gele
genen Krankenhäusern. Die Kommunikation zur Ankunft der
Patienten erfolgt dort nur etwa zwölf Stunden vorab. In eini
gen wenigen Regionen haben sich mittlerweile feste Tage für
die Weiterverlegung etabliert. Die kurze Vorlaufzeit erhöht
12 Das Mechnikov Krankenhaus in Dnipro ist das frontnächste Klinikum. die Anforderungen an ein effizientes Patientenmanagement
Dort werden Versehrte stabilisiert. Das Krankenhaus hat bereits
Raketenangriffe erlitten. in den aufnehmenden Krankenhäusern und Rehabilitations
Saarländisches Ärzteblatt Ausgabe 5/2026

