Page 10 - Saarländisches Ärzteblatt, April 2026
P. 10

A MMER                  AUS DER ÄR Z TEK AMMER





     TEK  „In  der  modernen  Kriegsführung  ist  das  Smartphone  in  der  Gesundheitssystem nach Deutschland kommt, ist mit multi­

     Z     Hosentasche kein Kommunikationsmittel mehr, sondern ein   resistenten  Erregern  (MRE)  besiedelt.  Ritter  warnt  eindring­
     Ä R   Todesurteil.“ In einem aktuellen Lagebericht zeichnet Oberst­  lich:  „Patienten  aus  Kriegsgebieten  müssen  konsequent  iso­
           arzt Dr. Dennis Ritter, Leitender Rettungsmediziner der Bun­
                                                                liert werden. Wer diese Hygienemaßnahmen missachtet, ge ­
           deswehr,  ein  beklemmendes  Bild  der  medizinischen  Ver sor­  fährdet das gesamte heimische Kliniksystem.“
           gung  im  Ukraine­Krieg.  Seine  Analyse  zeigt:  Die  bisherigen   Was bedeutet das für Deutschland? Die Bundeswehr bereite
           Standards der Rettungskette sind in einem hoch technologi­  sich  auf  Szenarien  vor,  in  denen  täglich  bis  zu  1.000  Ver­
           sierten Konflikt fast wirkungslos geworden.          wundete  (davon  36  Intensivpatienten)  nach  Deutschland
           Die größte Gefahr für Verwundete und Sanitäter ist heute die   zurückgeführt  werden  müssten.  Die  Deutsche  Bahn  rückt
           eigene elektronische Signatur. Wer in einer Tiefe von bis zu   hier in den Fokus: Lazarettzüge sollen bis zu 250 Patienten
           40  Kilometern  hinter  der  Frontlinie  sein  Smartphone  ein­  gleichzeitig transportieren.
           schaltet oder Bluetooth­Geräte nutzt, wird innerhalb von nur  In der Podiumsdiskussion wies Prof. Tim Pohlemann, der als
           sieben Minuten geortet und durch Drohnen bekämpft. Selbst   Sprecher  des  Wehrmedizinischen  Beirates  des  Bundes ver­
           im  Rettungsdienst  übliche  Geräte,  wie  Defibrillatoren  mit   teidigungsministeriums tätig ist, auf die hohen Standards der
           Bluetooth­Modulen, werden so zur „Todesfallen“. Die Konse­  Unfallchirurgie hin, die u.a. mit dem engmaschiges Netzwerk
           quenz  sei,  medizinische  Versorgung  in  der  Ukraine  findet  zertifizierter Traumazentren international zur Spitze gehöre.
           heute fast ausschließlich unterirdisch statt. Dr. Ritter berich­  Dr.  Thomas  Jakobs  sprach  die  Problematik  in  der  Personal­
           tet  auch  von  einer  grausamen  Verschiebung  in  der  Taktik.  planung  für  die  Kliniken  an:  „Wir  brauchen  Informationen,
           Während  2022  noch  Schussverletzungen  dominierten,  zielt   wer uns zur Verfügung steht oder aber zu Hilfsorganisationen
           die aktuelle Kriegsführung auf maximale Verstümmelung ab.  oder zum Sanitätsdienst abgeordnet wird.“ Auf die Frage, wie
           Durch den Einsatz von Splitter­ und Explosivwaffen werden   man  sich  auf  Krisensituationen  vorbereiten  könne,  sagt  Dr.
           gezielt  Extremitäten  verletzt.  Das  Ziel  ist  nicht  der  schnelle   Ritter: „Persönliche oder familiäre Vorsorge ist ganz wichtig.
           Tod, sondern die langfristige Belastung des Gesundheitssys­  Sie gibt Handlungsfähigkeit und Orientierung z.B. bei einem
           tems,  der  Wirtschaft  und  Gesellschaft  durch  Schwerst ver­  längeren Stromausfall oder Lieferengpässen.“
           letzte.
           Eine besonders erschütternde Erkenntnis ist: Das Rote Kreuz   Die  Veranstaltung  verdeutlicht,  dass  Deutschland  medizi­
           hat als Schutzzeichen ausgedient. „Medizinische Infrastruktur  nisch, organisatorisch und logistisch vor erheblichen Heraus­
           wird  gezielt  angegriffen,  um  die  Überlebensfähigkeit  von   forderungen  steht.  Realistische  Übungen  zur  zivil­militäri­
           Soldaten  zu  minimieren.  Bereits  vier  Wochen  nach  Kriegs­  schen  Zusammenarbeit  wie  SAAREX  und  eine  offene  Kom­
           beginn  waren  nahezu  alle  Blutspendezentren  der  Ukraine   mu nikation über Risiken und Defizite sind zentrale Bausteine,
           zerstört.  Etwa  70  Prozent  der  ukrainischen  Kliniken  sind   um  im  Ernstfall  handlungsfähig  zu  bleiben.  Diese  Vorberei­
           be reits  beschädigt  oder  zerstört.“  Neben  Splittern  und   tung  ist  kein  Ausdruck  von  Panikmache,  sondern  Voraus­
           Drohnen  kämpfen  Mediziner  gegen  eine  mikrobiologische   setzung für Sicherheit – und für die Fähigkeit, Menschenleben
           Bedrohung. Nahezu jeder Patient, der aus dem ukrainischen   zu retten.


           Rahmenbedingungen im PJ bleiben schwierig
           Zahl des Monats: 33 Prozent


           Die  Befragung  des  Marburger  Bundes  zu  den  Bedingungen   Hälfte  der  Teilnehmenden  verbringt  wöchentlich  40  bis  50
           im  Praktischen  Jahr  (PJ)  zeigt,  dass  substanzielle  Verbesse­  Stunden in ihrer Ausbildungseinrichtung. Nacht­ und Wochen ­
           rungen nicht erkennbar sind. Nach dem PJ­Barometer 2025   enddienste  gehören  für  viele  nach  wie  vor  zum  regulären
           wachsen  vielmehr  die  Zweifel  beim  ärztlichen  Nachwuchs:  Ablauf;  mehr  als  40  Prozent  übernehmen  solche  Dienste  –
           Rund ein Drittel der angehenden Ärztinnen und Ärzte denkt   meist ohne zusätzliche Bezahlung.
           sogar nach, die kurative Medizin zu verlassen und sich beruf­
           lich neu zu orientieren.                             Auch bei der fachlichen Anleitung und Betreuung zeigen sich
                                                                weiterhin  deutliche  Schwächen,  die  bereits  frühere  Befra­
           An der Befragung beteiligten sich zum Jahresende 2025 rund   gun gen offenbart hatten. Rund 40 Prozent berichten, im ers­
          1.800  Medizinstudierende  im  Praktischen  Jahr  sowie  Ärz­  ten Tertial keine festen Ansprechpersonen wie Mentorinnen
           tinnen und Ärzte, deren PJ nicht länger als drei Jahre zurück­  oder Mentoren zu haben. Viele übernehmen regelmäßig ärzt­
           liegt. Knapp die Hälfte befindet sich aktuell im PJ. Zwei Drittel   liche Tätigkeiten ohne ausreichende Supervision und erledi­
           der Teilnehmenden sind weiblich.                     gen  gleichzeitig  zahlreiche  nichtmedizinische  Aufgaben.  Der
                                                                eigentliche  Ausbildungsauftrag  tritt  dadurch  häufig  in  den
   10      Die  aktuellen  Ergebnisse  verdeutlichen,  dass  die  Arbeits­  Hintergrund.  Zwei  Drittel  der  Befragten  geben  an,  nicht  ge ­
           belastung im Praktischen Jahr weiterhin hoch bleibt. Über die   nügend Zeit für Selbststudium zu haben. Zwar sind Studien­

           Saarländisches Ärzteblatt     Ausgabe 4/2026
   5   6   7   8   9   10   11   12   13   14   15