Page 3 - Saarländisches Ärzteblatt, April 2026
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EDITORIAL
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
der Begriff „Zeitenwende“ gehört zu jenen großen Worten, die immer dann Konjunktur haben,
wenn eine Gesellschaft das Gefühl hat, an einem historischen Scheideweg zu stehen. Es ist ein
rhetorisches Signalwort, das Orientierung signalisiert, wo Gewissheiten brüchig werden.
Schon in der Historiographie früherer Jahrhunderte wurde „Zeitenwende“ genutzt, um Epochen
umbrüche zu markieren – so etwa die Reformation oder die Industrialisierung. Doch selten war
der Begriff so präsent in der öffentlichen Wahrnehmung wie in den letzten Jahren. Besonders
sichtbar ist dies im Gesundheitswesen, das nach Pandemie, Lieferkettenkrisen und geopolitischen
Spannungen selbst unter enormem Druck steht. Hier wird von der „digitalen Zeitenwende“, der
„Zeitenwende in der Versorgung“ oder der „Zeitenwende in der Krankenhauslandschaft“ gespro
chen. Auch, um endlich auf die bekannten Herausforderungen zu reagieren wie die enormen
Kosten steigerungen, die wachsenden Versorgungslücken oder der systemische Risikofaktor Fach
kräftemangel.
Als Bundeskanzler Scholz 2022 im Bundestag die „Zeitenwende“ ausrief, war dies zunächst eine
sicherheits und außenpolitische Zäsur. Der brutale russische Angriffskrieg auf die Ukraine er
schütterte die europäische Friedensordnung und zwang Deutschland, jahrzehntelang gültige
Grundannahmen zu revidieren.
Diese Zeitenwende hat mittlerweile auch eine Debatte über die „Resilienzfähigkeit“ des
Gesundheitswesens ausgelöst – ein Begriff, der zuvor eher dem Katastrophenschutz zugeordnet
war. Doch die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie eng Versorgung, Sicherheit und staatliche
Handlungsfähigkeit miteinander verbunden sind. Pandemien, Naturkatastrophen, hybride Be
drohungen oder großflächige Ausfälle kritischer Infrastruktur treffen zuerst die medizinische
Versorgung – und sie treffen mit großer Vehemenz. Lange galt die Trennung zwischen zivilem
Gesundheitswesen und militärischen Strukturen als selbstverständlich. Doch die jüngsten Krisen
haben gezeigt, dass diese Grenze in Extremsituationen durchlässig werden muss. Die Folge ist ein
neues Verständnis von Resilienz: Es geht nicht mehr nur um Effizienz und Kostenoptimierung, son
dern um Redundanzen, Vorsorge und robuste Strukturen des Gesundheitswesens als Teil der kriti
schen Infrastruktur mit optimierter zivil militärische Kooperation.
Inmitten dieser tiefgreifenden Umbrüche kommt uns Ärztinnen und Ärzten eine Schlüsselrolle zu.
Wir stehen an der Schnittstelle zwischen individueller Versorgung, gesellschaftlicher Erwartung
und politischer Gestaltung. Die „Zeitenwende“ macht sichtbar, wie unverzichtbar unsere Expertise
ist – nicht nur als Vertrauenspersonen im medizinischen Alltag, sondern auch als profunde Stimme
im gesundheitspolitischen Diskurs. Die Ärzteschaft ist mehr als „nur“ Leistungserbringer im
Gesundheitswesen, sondern eine tragende Säule der öffentlichen Daseinsfürsorge.
In dieser Ausgabe des SÄB informieren zwei Artikel über die Thematik zivil militärische
Zusammenarbeit: Ein Bericht über die KammerVeranstaltung „Herausforderungen für das saar
ländische Gesundheitswesen im NATOBündnisfall“ und zur Übung „SAAREX 26 – medizinische
Folgeversorgung im Fokus“, die im Mai stattfinden wird.
Mit kollegialen Grüßen
Ihr
Markus Strauß
Präsident
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Saarländisches Ärzteblatt Ausgabe 4/2026

