Page 3 - Saarländisches Ärzteblatt, Mai 2026
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EDITORIAL
Sehr geehrte Frau Kollegin,
sehr geehrter Herr Kollege,
seit Jahrzehnten steigen die Ausgaben der GKV jahresdurchschnittlich um mehr als einen Pro
zentpunkt stärker als die beitragspflichtigen Einkommen. Das harte Ende der Illusion, dass durch
wirtschaftliches Wachstum und entsprechenden Steuereinnahmen die strukturelle Unterfinan
zierung des Systems ausgeglichen werden könne, erleben wir gerade. Getreu der Bismarck’schen
Devise „wo das Müssen beginnt, hört das Fürchten auf“ greift die Bundesregierung zu drastischen
wie unpopulären Sparmaßnahmen, die alle Akteure im Gesundheitswesen betreffen: Ärzte,
Zahnärzte, Krankenhäuser, Krankenkassen, Pharmaindustrie, Apotheker, Arbeitgeber und insbe
sondere Patienten.
„Höchste Sparsamkeit, höchste Sorgfalt“ – genau dieser Anspruch müsste für die geplanten
Reformpakete eigentlich gelten. Es reicht nicht, nur die Ausgaben zu kappen. Wer im Gesund
heitswesen spart, trägt Verantwortung für Millionen Versicherte. Sparsamkeit ohne Sorgfalt führt
zu mehr als nur Qualitätsverlusten, Sorgfalt ohne Sparsamkeit zu weiter steigenden Beiträgen. Die
Politik steht in der Pflicht, beides zusammenzubringen – effizienter werden, ohne die Versorgung
auszudünnen.
Aber auch das Ende einer weiteren Illusion steht meiner Meinung nach bevor, sich familienpoli
tische oder sozialpolitische Wohltaten permanent durch die Solidargemeinschaft der GKV quer
finanzieren zu lassen. Hier muss es sehr schnell einen Paradigmenwechsel geben, denn wir haben
auch jährliche Steuereinnahmen, die bald die 1.000MilliardenGrenze erreichen. „Höchste Spar
samkeit, höchste Sorgfalt“, Ciceros Gebot ist aktueller denn je.
Über kurzfristige Einsparungen hinaus sind strukturelle Reformen unverzichtbar, die auch nach
2027 Wirkung entfalten, insbesondere das im von der Bundesregierung geplante Primärarztsystem.
Die Erwartungen sind hoch: kürzere Wartezeiten, bessere Steuerung, effizientere Nutzung knap
per Ressourcen. Das Saarland kann bei der Innovation eines Primärversorgungssystem wichtige
und richtige Impulse geben, wie sich bei der Vorstellung der Pläne des Aktionsbündnisses
Gesundheit Saarland in Berlin (siehe S. 5) zeigte.
Die gesundheitspolitische Agenda dieser Wochen ist dicht gefüllt, und nicht jeder neue Impuls
erweist sich als wirklich tragfähig. Doch besonders erfreulich ist eine Neuerung aus dem
Referentenentwurf zur Reform der Notfallversorgung: Ärztinnen und Ärzte in Notdienstpraxen
der geplanten integrierten Notfallzentren sollen künftig direkt Notfallmedikamente an ihre
Patienten abgeben dürfen. Der Entwurf sieht vor, dass apothekenpflichtige Medizinprodukte „für
den akuten Bedarf in einer zur Überbrückung für längstens drei Tage benötigten Menge" abgege
ben werden dürfen – vorausgesetzt, die Anwendung duldet keinen Aufschub und Apotheken sind
zu diesem Zeitpunkt nicht zugänglich. Dieses geplante Dispensierrecht ist ein guter Schritt – aber
er sollte langfristig weitergedacht werden.
Mit kollegialen Grüßen
Ihr
Markus Strauß
Präsident
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Saarländisches Ärzteblatt Ausgabe 5/2026

